Ein Bad im Nebelmeer und Partytime im Kloster

 

Wenn einer in Pilgerherbergen übernachtet, darf er nicht immer mit dem vollen Service rechnen. Das ist auch ok so, da die meisten nicht als Hotel betrieben werden und zudem sehr günstig sind. Gestern wurde mir erstmals vorgeschrieben, wann ich spätestens im Hause zu sein habe. Der Zapfenstreich erfolgt um neun Uhr. Danach ist Schluss mit lustig und es darf ein anderes Schlafplätzchen gesucht werden. Nicht das ich nächtelang um die Häuser ziehe, aber es erzeugt einen gewissen Druck. Die Freiheit ist nicht mehr grenzenlos. Jedenfalls schaffe ich es fast auf die Sekunde genau ins Monastero San Pietro. Am Tor hör ich aus der Gegensprechanlage: Avanti, Avanti. Die Nonnen haben schon Angst gehabt ich verpasse die Deadline.

Schwestern machen Party

Kurze Zeit später kenne ich den Grund, für das frühe Toreschliessen. Um neun wird das Abendessen für die Schwestern aufgetischt und danach feiern sie miteinander Party. Es wird ziemlich laut im alten Gebäude. Die Schwestern sind zu einem grossen Teil jüngeren Baujahres und noch voller Elan. Sie singen lautstark und es ist spürbar, dass sie mit grosser Freude und Inbrunst dabei sind. Sogar die italienische Version vom Ententanz wird zum Besten gegeben. Einfach schön diese pure Lebensfreude. Aber wie es beim Klosterleben so ist, herrschen strenge Sitten und um halb elf ist alles ruhig und totenstill.

Sportler lieben Süsses

Als ich nach meiner Ankunft im Cafe sitze, kommt Mandy, die deutsche Pilgerin in Montefiascone an und setzt sich zu mir an den Tisch. Sie hat einen richtigen Heisshunger und holt sich zwei Stück Gebäck und zwei Cappuccini. Sie erklärt mir, dass sie normalerweise nichts Süsses esse. Erst hier beim Pilgern überkomme es sie manchmal. Ich glaube, das hat mit der sportlichen Betätigung zu tun. Denn aus meiner Radlervergangenheit kenne ich niemanden, der nicht auf Kuchen und Gelati steht. So genossen wir öfters auf unseren Trainingsfahrten fruchtigen Apfelstrudel und leichte Sachertorte mit viel Schlag. Kurz danach wünschen wir uns noch alles Gute für die letzten Kilometer. Sie legt morgen einen Ruhetag ein. Buon Cammino

Früher Start in den Tag

Heute geht es nach Viterbo, einer grösseren Stadt kurz vor Rom. Da meine mich beherbergenden Nonnen, bereits früh im Gebet sind und natürlich das Ganze mit stimmgewaltigen Gesang begleiten, bin ich schon früh auf den Beinen. Da kann ein Spät-Aufsteher-Pilger wie ich nicht weiter vor sich hinschnarchen. Das ist unmöglich. Also sitze ich bereits kurz nach acht beim Frühstück. Da meine Frau heute Geburtstag hat, gönne ich mir ein Stück Torte. Wenigstens in Gedanken möchte ich bei ihr sein. Sie hat es sowieso nicht leicht. Hat einen haufen Arbeit, verbringt unseren Jahrestag und ihren Geburtstag alleine zu Hause und ihr Alter pilgert einfach so um die Welt. Da muss ich ehrlich zugeben, sie hat eine Engelsgeduld mit mir. Wenn ich in einer Woche zuhause bin, werde ich mich versuchen zu revanchieren. Um ihr zu zeigen, dass ich in Gedanken bei ihr bin, schicke ihr noch ein Foto von einem Rosenstrauss.

Sonne, Nebel und Thermenlust

Tour GPS

So starte ich gestärkt vom Burzelday-Kuchen auf meinen Pilgerweg. Erst geht es hoch zur Burg. Eine fantastische Aussicht erwartet mich. Die Sonne scheint, einfach schön. Dann geht es den Berg hinunter. Langsam nähere ich mich dem Nebelmeer und schon bald bade ich richtiggehend darin. Es ist ziemlich kalt. Ähnlich, wie wenn man bei 35 Grad Aussentemperatur in einen See mit 15 Grad steigt. Brrrr. Ausserdem sehe ich nicht viel von der Landschaft. Also pilgere ich so vor mich hin und meine Gedanken schweifen ab. Obwohl ich so in Gedanken vor mich hin gehe, nehme ich jeden Schritt bewusst wahr. Nach zwei Stunden setzt sich die Sonne aber endgültig wieder durch und ich komme an der Terme del Bagnaccio vorbei. Hier kehre ich zu und bekomme einen Gratiseintritt. Es ist manchmal von Vorteil ein Pilger zu sein. Jedenfalls strecke ich meine Füsse ins rund 58 Grad warme Wasser. Dies tut meinen leidgeprüften Pilgerfüsschen so richtig wohl. Auf ein Foto verzichte ich lieber, denn ich glaube nicht, dass ihr das sehen möchtet.

2 Kommentare zum Beitrag “Ein Bad im Nebelmeer und Partytime im Kloster”

  1. Wieder ein sehr schöner Bericht. Ich freue mich schon darauf, wenn ich nächstes Jahr nach Rom aufbreche.

    1. Danke schön.

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