Herbergen und andere Katastrophen

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Diese Herbergsgeschichten sind für mich schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Gestern Abend war ich noch ein bisschen in der Stadt unterwegs und habe mir das Fussballspiel angeschaut. Danach bin ich zurück zur Unterkunft und wollte meine Tasche mit den Schreibutensilien in das Zimmer bringen. Ich geh rein und alle Mann liegen schon wie halbtote Fliegen in ihren Kojen. Es ist noch nicht mal zehn Uhr. Und das in Italien, wo die Nacht zum Tage wird. Ich versteh die Welt nicht mehr.

Knallhartes Regime herrscht

Also bin ich nochmals hinunter in die Küche und habe ein bisschen mit dem Herbergsvater gesprochen. Maurizio kommt aus der Region Lago Maggiore und hilft jedes Jahr zwei bis drei Wochen in einer Herberge auf Freiwilligenbasis aus. Kostenlos versteht sich von selbst. Er erzählt ein paar Anekdoten aus seinem Pilgerleben. Danach geh ich wohl oder übel schlafen. Weil um elf ist Schluss mit lustig. Komischerweise schlafe ich relativ gut. Leider aber nur kurz. Bereits kurz vor fünf Uhr rumpelt es neben mir. Der erste Pilger richtet sich schon her für den Tag. So geht es zwei Stunden lang. Die können nicht mal leise sein und plappern die ganze Zeit. Als alle um halb sieben draussen sind, kann ich endlich schlafen. Da kommt schon Maurizio herein gestürmt und ruft aufstehen. Um acht müssen alle die heiligen Schlafstätten verlassen haben. Dabei ist das erst in einer Stunde.

Sandler gibt es überall

Dann geh ich los. Wunderbar, so früh unterwegs zu sein…. Nach zwei Stunden hole ich einen meiner Mitschlafpilger ein und geh ein Stück mit ihm. Den Namen nenn ich lieber nicht. Er ist glücklich. Stolz erklärt er mir, dass er für die vergangene Nacht nur fünf Euro gezahlt hat. Mir bleibt die Spucke im Hals stecken. Unglaublich. Der hat da übernachtet, gefrühstückt und erst noch zu Abend gegessen und getrunken und gibt als freiwillige Spende mickrige fünf Euro. Er habe sich zum Ziel gesetzt, nicht mehr wie 20 Euro am Tag zu verbrauchen – er hat mit einem Pilgerkollegen gewettet, dass er das schafft. Da er unterwegs nie irgendwo zukehrt, ist das Geld für schlafen und essen geplant. So hat er seit gestern wieder 15 Euro auf Reserve. Dabei macht er nicht den Eindruck aufs Geld schauen zu müssen. Seine Ausrüstung besteht nur aus edlen Teilen, die weit mehr kosten als meine. Und ich bin auch nicht barfuss unterwegs.

Der Weg zieht sich in die Länge

Nach so viel Sandlertum habe ich erst mal genug und verabschiede mich und lege einen Zahn zu. Da ich so früh am Weg bin, gehe ich heute ein längeres Stück bis nach Mortara. Es geht quer durch die Reisfelder. Die Luft ist feucht und die Sonne brennt herunter. Bis zu 37 Grad warm ist es. Ich bin pudelnass vom Schwitzen. Aber lieber nass vom Schwitzen als vom Regen. Nach rund 30 Kilometer und ein wenig mehr als fünf Stunden komme ich in dem schmucken Städtchen an. Das Albergo liegt zentral, kostet 30 Euro mit Frühstück und hat ein Fernseher. Die Inhaber sind sehr freundlich und haben kein Problem damit, wenn ich mein Nestchen für diese Nacht erst gegen Mittag räumen werde. Toll. Mille Grazie. Ein Hoch auf die italienischen Albergi.

(Anmerkung zu Absatz drei: Die Herbergen auf dem Via Francigena funktionieren meist nach folgenden Prinzipien. Die einen verlangen einen fixen Beitrag. Dann gibt es solche auf Spendenbasis, wobei die einen eine Minimalspende vorsehen und die anderen auf Freiwilligkeit basieren. Die gestrige Herberge war auf Freiwilligkeit ausgelegt.)

4 Kommentare zum Beitrag “Herbergen und andere Katastrophen”

  1. Es hat mich wieder sehr gefreut von Dir zu lesen, Dankeschön

    1. Immer wieder gerne. Danke.

  2. Oh Madonna Mia! Was finde ich diese Pilger befremdlich und beschämend. Leider wohl ein wachsendes Zeichen unserer Zeit. Hauptsache Geiz ist geil? Es gibt auch andere! Zum
    Glueck! Genieß die Zeit und ich war auch speazestens um 23 h im Bett

    1. Das ist echt schlimm. Liebe Grüsse Hubs

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