Traumhafter Tag in den “Calanchis”

Nachdem ich gestern die Etappe verkürzt habe, stehen heute notgedrungen ein paar Kilometer mehr an. Zuerst geht es über Liano nach San Martino in Petrolio. Nach einem sanften Abstieg erreiche ich nach rund sechs Kilometer San Martino. Von hier aus geht es gleich hoch in die Calanchi dell’Abbadessa. Diese Etappe ist etwas ganz besonderes, vor allem bei trockenen Verhältnissen. Heute habe ich das Gefühl, noch nie so was Schönes gesehen zu haben. Diese Felsformationen sind wunderbar. Wenn es einen Gott gibt, hat er hier ein Meisterwerk abgeliefert. Aber ich denke, da muss ich nicht viel mehr dazu erzählen, sondern lasse einfach ein paar bildliche Eindrücke für sich sprechen.

Nervensägen unterwegs

Jedenfalls ist heute ein wunderbarer Tag, sehr warm und auch windig. Auf den Hügeln, der höchste Punkt heute liegt bei rund 435 Meter über Meer, bläst ein heftiger Wind und ich muss öfters meinen Hut festhalten. Es ist nicht ganz ungefährlich in diesem Gelände. Aber ich bin einfach fasziniert. Unterwegs treff ich noch einen Pilger, Francesco aus Italien. Wir sprechen kurz miteinander. Dann geh ich weiter. Pilgern heisst auch alleine zu gehen und bei sich zu sein. Dieser Francesco hält mich auf Trab und verfolgt mich über weite Strecken. Sehr penetrant, will immerzu reden…

Irgendwann mache ich eine längere Pause und lasse ihn vorbei ziehen und hoffe ihn nicht mehr zu sehen. Aber weit gefehlt, nur Minuten später ist er wieder da. Er war sich seines Weges nicht mehr sicher. Also tappt er wieder neben mir her. Später in Valsellustra, werde ich ihn dann los. Aber nur mit einer Finte, meine Pilgerfreundinnen haben uns eingeholt, während unserer Pause in einer Bar. Ich drehe also nochmals um geniesse einen Cappucchino mit ihnen. Er läuft weiter, kommt aber schon bald wieder zurück – da denk ich mir, der hat keinen Plan und schmunzle vor mich hin. Aber Schadenfreude wird von Gott sofort bestraft. So trifft es auch ein. Denn ich pilgere in die Richtung, in die er gestartet ist und erkenne nach rund drei Kilometer, dass ich total falsch liege. Super, also wieder zurück in die richtige Richtung.

 

Später geht es wieder bergauf, es ist heute anstrengend. Die Hügel sind zwar nicht hoch, aber ziemlich steil. So kommen heute rund 600 Meter im Aufstieg und 800 Meter im Abstieg zusammen. Vor allem der letzte Abstieg ist die Hölle und extrem steil. Es geht durch unbefestigtes Gelände und ist sehr unangenehm zu gehen. So komme ich heute auf rund 28 Kilometer – definitiv zu viel für mich im Moment.

Hundemüde komme ich in Borgo Tossignano an. Ein wenig sorgenvoll. Die beiden Damen habe ich vor sieben Kilometer das letzte Mal gesehen. Rund zwei Stunden nach mir kommen sie an. Sie haben Glück gehabt und ein Wanderer aus der Region getroffen, der sie hinuntergeleitet hat. Gott sei Dank.

 

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