Camino Feuer lodert weiter

Anmerkung: Dieser Pilgerbericht stammt von Raphaela Maria Lüthi aus Winterthur. Sie ist begeisterte Pilgerin und erzählt uns hier von ihren Erfahrungen auf dem Camino Frances. Die ersten drei Berichte könnt Ihr unter der Rubrik Camino Frances nachlesen.  
  • von Raphaela Maria Lüthi

Heute steht die letzte Etappe nach Santiago bevor. Noch im Dunkeln, bevor die Morgendämmerung einsetzt, mache ich mich mit meiner Taschenlampe auf den Weg. Bestimmt sind meine Pilgerfreunde von gestern schon früher los als ich und mit viel Vorsprung bereits über alle Berge enteilt. Aber wie immer stört es meinen Flow nicht und so suche ich den Startpunkt der heutigen Etappe. Meine Füße schmerzen und gerade heute oder vielleicht deshalb, kommen Gedanken nach dem „Warum, Weshalb, Wieso“ in mir auf. Ich frage mich warum ich nicht irgendwo in der Sonne liege und mich stattdessen hier in Spanien, im Februar auf dem Camino mit Schmerzen abmühe. Aber dieses Gefühl kennen vermutlich die meisten Pilger.

Viel Betrieb und Emotionen pur

Nach ein paar Kilometern höre ich plötzlich hinter mir Loreen rufen. Was für eine Überraschung – sie freut sich sehr mich eingeholt zu haben. Es stellt sich heraus, dass auch sie noch keinen Kaffee und kein ordentliches Frühstück hatte. So legen wir bei der nächsten Gelegenheit eine Pause in einer Bar ein. Es gibt leckeren, selbstgemachten Kuchen und den längst verdienten Kaffee. Danach geht es weiter. Wir nehmen es sehr gemütlich und werden von vielen Schulklassen überholt. Die letzten Kilometer, am Flughafen vorbei und durch die Stadt, ziehen sich endlos dahin. Jetzt ist der Moment gekommen wo man nur noch ankommen will.

Der Himmel ist schon den ganzen Morgen von dunklen Wolken verhangen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es aus Kübeln schüttet. Die letzten paar Meter bis zur Kathedrale gehe ich wie in Trance. Plötzlich stehen Laureen und ich direkt vor unserem großen Ziel. Wir können diesen Moment gar nicht so richtig begreifen. Jeder von uns wird von Emotionen überwältigt. Obwohl ich ja schon vor einer Woche da war, offenbart sich nun ein anderes Santiago de Compostela vor mir. Ein unbeschreiblicher Moment.

Andrang hält sich in Grenzen

Wir beschliessen, das Pilgerbüro zu suchen und unsere Urkunden zu holen. Es hat etwa zehn Pilger im Büro und wir kommen sofort an die Reihe. Mit dem ersten Schritt aus dem Pilgerbüro hinaus, beginnt es das erste Mal in dieser Woche zu regnen. Laureen und ich verabschieden uns und ich mache mich auf den Weg zum Hotel. Hier wartet bekanntlicherweise ein heisses Bad auf mich.

Am Abend treffe ich die beiden Pilger von O Pedrouze wieder. Jan der den Weg von Saint Jean Pied de Port nach Santiago bereits dreimal gelaufen ist, fühlt sich hier in Santiago wie Zuhause. Er zeigt uns die Altstadt und wir geniessen das Abendleben von Santiago mit köstlichen Tapas und Wein.

Camino Feuer erlischt nicht

Heute ist mein letzter Tag in Santiago und ich habe lange ausgeschlafen und ausgiebig gefrühstückt. Kurz vor Mittag mach ich mich auf den Weg in die Altstadt, um noch ein paar Andenken an diese Pilgerreise einzukaufen. In einem kleinen Schmuckgeschäft gönne ich mir ein Armband mit kleinen Jakobsmuscheln aus Silber.

Besichtigungstour der Kathedrale

Auf dem Vorplatz der Kathedrale treffe ich auf Jan, er zeigt mir die Kathedrale von innen. In Mitten des Allerheiligsten steht eine große Statue des hl. Jakobus. Jan zeigt mir den Weg in den hinteren Teil der Kathedrale. Hier darf man die Statue von Jakobus umarmen. Ein sehr eindrücklicher Moment für mich. In unteren Stockwerk werden die Gebeine des Heiligen in einem silbernen Sarg aufbewahrt. Ich bin sehr beeindruckt von dieser besonderen Atmosphäre hier. Derzeit wird die Kathedrale restauriert und gleicht deshalb einer grossen Baustelle. Deshalb finden auch keine Messen statt. Nächstes Jahr soll sie für das sogenannte „Holy Year“ in neuem, alten Glanz erscheinen, denn es werden Unmassen von Pilgern erwartet.

Froh und glücklich nach Hause

Am Abend treffen wir uns alle nochmals zum Abendessen und lassen den Pilgerweg und die erlebten Geschichten und Anekdoten der vergangenen Tage Revue passieren. Für mich geht es früh zurück ins Hotel. Morgen um sechs Uhr muss ich bereits für meinen Rückflug am Flughafen sein. Mein Herz ist sehr glücklich und zufrieden. Im Gepäck sind unvergessliche Erinnerungen und mein Camino Feuer ist grösser denn je. Bestimmt komme ich wieder zurück!

Buen Camino und alles Liebe, Raphaela

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